2026: Warum die Türkei nie das „neue Mallorca“ der Deutschen war
Wenn Sie an Auswandern in die Türkei denken, welches Bild haben Sie vor Augen? Wahrscheinlich sitzen Sie gedanklich schon bei strahlendem Sonnenschein in einem gemütlichen Café in Alanya oder Side, bestellen Ihren Kaffee auf Deutsch und nicken dem deutschen Nachbarn am Nebentisch zu.
Viele deutsche Urlauber und angehende Auswanderer erliegen gerne der Illusion, die türkische Riviera sei so etwas wie das Mallorca der Jahrtausendwende – eine Region, in der die deutsche Community quasi die heimliche Mehrheit stellt und das gesamte Straßenbild prägt. Umso größer ist dann oft der Kulturschock, wenn man tatsächlich den Schritt wagt.
Da wird in den sozialen Netzwerken eifrig geschimpft, dass
die Region Antalya ja plötzlich so „russisch“ geworden sei und man auf deutsche
Gäste oder Residenten kaum noch Wert lege. Da fragt man sich im Restaurant
irritiert, warum die Speisekarte in manchen Restaurants nur auf Türkisch und
Russisch gedruckt ist (einer Freundin von mir in Kemer passiert).
Doch wer hier die Schuld nur bei den Gastronomen sucht, dass
sie keinen Wert mehr auf deutsche Gäste legen, übersieht eine fundamentale
Wahrheit. Das Märchen von der angeblichen deutschen Überzahl an der Riviera war
nämlich schon immer genau das - ein schönes Märchen.
Die Deutschen waren an den türkischen Küsten zahlenmäßig
fast nie in der Mehrheit. Sie waren schlichtweg über viele Jahre nur die
lauteste und sichtbarste Gruppe im klassischen Pauschaltourismus und unter den
Auswanderern.
Antalya: Warum die Zahlen nie gelogen haben
Schauen wir uns die Region Antalya – das Epizentrum des
deutschen Türkei-Tourismus – einmal ganz nüchtern an. Dass der Anteil an
russischen, ukrainischen und postsowjetischen Residenten dort seit 2022 massiv
in die Höhe geschossen ist, ist kein neues, plötzliches Phänomen. Es ist die
logische Fortsetzung einer Entwicklung, die schon in den 1990er-Jahren begann.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bauten große Reiseveranstalter die
Infrastruktur in Orten wie Kemer oder Konyaaltı gezielt für den russischsprachigen
Markt auf.
Als dann geopolitische Krisen und der Krieg in Europa
einsetzten, flüchteten zehntausende Menschen aus Russland und der Ukraine nicht
in ein ihnen fremdes Land – sie zogen dorthin, wo sie bereits seit Jahrzehnten
etablierte Communities, eigene Schulen, Ärzte und eine vertraute Infrastruktur
vorfanden. Die offizielle Statistik der Aufenthaltstitel (İkamet) zeigt
seit jeher, dass Länder wie Russland, die Ukraine, der Iran oder der Irak die
Ranglisten anführen. Die deutsche Community belegt in Antalya traditionell eher
die hinteren Plätze der Top 10. Wer also behauptet, „überall sind jetzt nur
noch Russen“, verkennt, dass diese Nationalitäten hier schlichtweg historisch
tief verwurzelt sind und die Küste wirtschaftlich am Leben erhalten.
Wer lebt von anderen Nationalitäten eigentlich wo in der Türkei?
Die Türkei ist riesig, und ihre Küstenregionen sind so
vielseitig wie die Menschen, die dort leben. Wenn man die touristischen
Hotspots verlässt, merkt man schnell, dass sich die verschiedenen
Küstenabschnitte völlig organisch in internationale Enklaven aufgeteilt haben.
Die Devise lautet: Infrastruktur folgt der Nachfrage. Ein
kleiner Überblick zeigt, wo welche Nationalitäten tatsächlich ihr Zuhause
gefunden haben:
Die Region Antalya (Kemer, Antalya-Zentrum, Alanya)
Dies ist und bleibt das unangefochtene Zentrum für
postsowjetische, osteuropäische und nahöstliche Auswanderer. Hier bewegen sich
immense Kapitalströme, und der Markt hat sich dementsprechend angepasst. Wer
hier lebt, teilt sich den Alltag mit einer hauptsächlich bunten, osteuropäisch
geprägten Internationalität.
Die deutsche Komfortzone (Side & Manavgat)
Wenn es überhaupt
einen Ort gibt, an dem die Deutschen die Nase vorn haben, dann ist es die
Region rund um Side und Evrenseki. Hier haben sich im Laufe der Jahre viele
deutsche Stammgäste und Residenten niedergelassen. Hier findet man den
deutschen Bäcker, perfekt Deutsch sprechende Ärzte und Gastronomen, die genau
wissen, was das deutsche Herz begehrt.
Das britische Königreich in Muğla (Fethiye, Dalyan,
Ölüdeniz)
Wechselt man die Region rüber nach Muğla, ändert sich das
Bild komplett. In Orten wie Fethiye oder im idyllischen Dalyan-Delta ( Stadt Ortaca)
regiert sprichwörtlich der britische Charme.
Hier herrscht die höchste Dichte an britischen Residenten im
ganzen Land. In den Supermärkten stehen originale Produkte aus UK, in den Pubs
läuft am Sonntag der klassische Sunday Roast, und die Speisekarten sind
selbstverständlich zweisprachig: Türkisch und Englisch. Es hat sich dort seit
Jahrzehnten, neben wenigen Deutschen, Belgiern und Holländern, eine schottische
Community gebildet, die sogar sogar Hochzeiten im Schottenrock gefeiert haben.
Restaurants mit Steel-Dart Tournieren und Stammtischen von Residenten aus UK
gehören dazu.
Selbst kleine Stadtteile wie unser Ortsteil Sarıgerme, die
früher einmal nur durch Deutsche und Österreicher geprägt waren, wurden durch
die gezielte Flug- und Hotelpolitik großer britischer Reisekonzerne quasi über
Nacht englischsprachig.
Der westeuropäische Mix an der Ägäis (İzmir & Kuşadası):
Weiter nördlich an der Ägäisküste trifft man auf eine ganz
andere Dynamik. Rund um Kuşadası oder Çeşme haben sich schon sehr früh
niederländische und belgische Reiseveranstalter etabliert. Zudem ist die Region
İzmir ein Magnet für europäische Rückkehrer – also türkischstämmige Auswanderer
aus Deutschland (viele aus München), Holland oder Frankreich, die ihren
Ruhestand in der alten Heimat verbringen. Es ist also kein Zufall, wenn Ihnen
in einem Hotel in İzmir plötzlich eine niederländische oder belgische
Speisekarte in die Hand gedrückt wird. Mir selbst passiert, als wir eine Nacht
in Kuşadası verbrachten. Für mich kein Problem, dann lese ich eben die
türkische Karte. Doch das sind die Gegebenheiten, die man wissen muss.
Bei den türkischen Unternehmern schlägt Pragmatismus den Nationalstolz
Die türkische Küstenbevölkerung und die lokale Geschäftswelt
zeichnen sich durch eine faszinierende Eigenschaft aus: Sie sind extrem
anpassungsfähig und pragmatisch.
Was viele falsch beurteilen ist - ein Restaurantbesitzer
oder Hotelier bevorzugt eine Nationalität nicht aus persönlicher Abneigung
gegenüber einer anderen. Er richtet sich schlicht nach dem Markt, der seine
Tische füllt und die Rechnungen bezahlt.
Wer als deutscher Auswanderer mit der typischen
Erwartungshaltung in die Türkei kommt, dass sich das gesamte Umfeld sprachlich
und kulturell an die eigenen Gewohnheiten anpasst, wird unweigerlich enttäuscht
werden. Denn nicht nur sie bringen Devisen ins Land, auch Briten oder andere
Europäer. Vor allem, wie manche behaupten, die "meisten" Devisen.
Die wahre Schönheit dieses Landes liegt doch gerade darin,
dass seine Küsten seit Jahrtausenden ein internationaler Schmelztiegel sind.
Der beste Schlüssel für ein glückliches Auswandererleben ist der:
Legen Sie die deutsche Brille ab, bringen Sie Verständnis
für die regionalen Unterschiede mit, lernen Sie die türkische Sprache – und
genießen Sie das Leben in einer Kultur, die jeden willkommen heißt, der ihr mit
Offenheit begegnet.
Mehr über die Türkei in meinen Tagebüchern über meine Auswanderung und in den Ratgebern Auswandern und Immobilien mit Klick aufs Foto

