Auswandern in die Türkei: Was viele dabei unterschätzen

23.Juli 2026

Wenn man an Auswanderung in die Türkei denkt, entsteht oft ein sehr einfaches Bild: Sonne, Meer, günstiges Leben – und der klassische Rentner, der sich seinen Lebensabend unter Palmen gemütlich macht. Ich merke das selbst in Sozialen Medien, wenn mir immer jemand, der mich nicht kennt, erzählen will, dass ich ja mit Euro Rente hier toll leben kann und "gar nicht mitreden". Ich finde es mittlerweile nur noch lustig, denn ich selbst weiß, dass ich mit meinem Mann in jungen Jahren gegangen bin, ein Unternehmen aufgebaut habe und das unter Umständen, die sich diese fremden Kommentatoren im Traum nicht ausmalen können, viel weniger umsetzen - dazu gehört mehr, als eine "große Klappe". 

Oder gerade seit 2026 die Vorstellung, jetzt auswandern und ich habe 20 Jahre steuerfrei in der Türkei - was überhaupt nicht so stimmt, sondern es geht hier nicht um Einkünfte, die man in der neuen Heimat erziehlt, sondern um völlig andere Dinge, Auslandseinkünfte, die auch im deutsch-türkischen Abkommen bereits geregelt sind und die ich hier genau aufgeschlüsselt habe ----> zum Link  

Doch diese Vorstellungen greifen viel zu kurz. Die Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlassen und in ein anderes Land gehen, sind so vielfältig wie die Menschen selbst.



Natürlich gibt es sie – die Ruheständler, die bewusst ein wärmeres Klima und ein entspannteres Leben suchen. 

Aber ebenso viele entscheiden sich lange vor der Rente für diesen Schritt und kennen das Land oft besser als die alte Heimat Deutschland. 

Manche folgen der Liebe und heiraten einen türkischen Staatsbürger. Andere kommen aus beruflichen Gründen, auch Türken aus Deutschland, die es sich oft leicht vorstellen, gründen ein Unternehmen oder nehmen eine Stelle an. Wieder andere suchen schlicht einen Neuanfang – aus persönlicher, familiärer oder auch wirtschaftlicher Motivation heraus.

Was dabei oft vergessen wird: Auswandern ist kein „Reset-Knopf“ für das eigene Leben.

Wer glaubt, mit dem Schließen der Tür in der alten Heimat auch seine Probleme zurückzulassen, wird in den meisten Fällen enttäuscht. Denn das, was uns wirklich prägt – unsere Denkweisen, unsere guten oder schlechten Gewohnheiten, unsere Stärken und Schwächen – nehmen wir mit. Das gilt auch für innere Themen, ungelöste Konflikte oder schwierige Verhaltensmuster.

Aber es gilt auch für die seltsame Vorstellung - vor allem der Türken aus Deutschland, die auswandern - dass es hier NUR schön ist, dass es hier ganz anders werden wird wie in Deutschland, weil es ja ihre Wurzeln sind und die Sprache können. Ich behaupte jetzt einmal ganz frech - die Sprache ist das Einzige was von der romantischen Vorstellung noch übrig ist (mal Familie ausgeklammert). Jeder, der in einem anderen Land geboren , aufgewachsen ist, Schule dort gemacht hat, als erste Sprache nicht die türkische Sprache hat und seinen Beruf dort erlernt hat, ist bei weitem kein waschechter Türke mehr, Vielleicht auf der Geburtsurkunde - doch selbst die ist aus deutschem Papier gemacht und von deutschen Behörden meistens ausgestellt worden. 

Ein klassisches Beispiel:  

Menschliche Eigenschaften

Deutsche Auswanderer: 

Die Vorstellung von Deutschen ist meistens, dass es in dem Land, in das sie gehen, so sein muss, wie man es gewöhnt ist. Beim Auswandern in der Türkei wird Pünktlichkeit, geschäftliche Korrektheit und Zuverlässigkeit vorausgesetzt. Hier hakt es schon manchmal, weil die südländische Gelassenheit, die man oft in Italien so schätzt, auch in der Türkei vorhanden ist. Nur - seltsamerweise wird es nicht als normal empfunden, sondern als störend. Zudem weiß der Deutsche aufgrund seiner guten und fachlich fundierten Berufsausbildung viel, was ihm zwar Vorteile bringt bei der Arbeitssuche oder beim Gründen einer Firma, aber beliebter macht es ihn garantiert nicht immer. Umgekehrt wird er große Mühe haben, sich an die andere Arbeitsweise anzupassen ohne täglich einmal aus der Haut zu fahren. 

Türkische Rückwanderer: 

Es geht schon damit los, dass der einheimische Türke völlig andere Eigenschaften mitbringt, als der Türkei aus dem Ausland. Das ist Fakt, denn das Land, in dem man geboren wird, die Freunde in der Jugend, das Umfeld ausserhalb der familiären Wohnung, das Land in dem jeder groß wird, prägt mehr als das Elternhaus es überhaupt fertig bringen kann. Es mögen sich grundlegende Dinge vermischen, aber - die Außenwelt wie Freunde, Schule, Beruf, mit der man oft mehr und länger an Stunden in Berührung kommt, spielen gerade in der Entwicklung eines Kindes eine viel größere Rolle. Man ist natürlich stolz auf das was man sich erarbeitet hat in Deutschland, man weiß wie hart man gearbeitet hat dort , um das zu erreichen. Aber das nützt in der Türkei herzlich wenig, denn dort läuft es anders ab und schon erkennt man, dass der Türke aus Deutschland auch Eigenschaften von oben aus dem Absatz "Deutsche Auswanderer" in sich vereint. 

Sich zu beklagen, dass es hier schwerer ist und die Einheimischen neidisch, ist ein Phänomen das man seit Jahrzehnten kennt. Früher, als die Oma vielleicht noch am Dorf mit dem Esel geritten ist, hatte die erste Generation Gastarbeiter schon ein Auto , mit dem es im Sommer in die Türkei fuhr. Heute muss es unbedingt der Mercedes oder BMW sein, den man dort präsentiert und wundert sich, dass der Neid immer noch größer wurde. Man setzt die falschen Signale von "ich bin reich, ich habe Geld" und wer nicht versteht, dass er in der Türkei nur mit "Understatement" sein Geld behalten kann, das er sich mühsam erarbeitet hat, der wird es hier nicht schaffen. Weil er es nervlich nicht mehr aushalten wird. 

Gilt für alle Auswanderer, Nationalität egal: 

Menschen, die in ihrem Heimatland kaum soziale Kontakte haben, wundern sich häufig, warum sich das im neuen Land nicht plötzlich ändert. Doch Freundschaften entstehen nicht allein durch einen Ortswechsel. Wer Schwierigkeiten im Umgang mit anderen hat – sei es durch Besserwisserei, Unnahbarkeit oder eine sehr „spezielle“ Art – wird diese Herausforderungen auch im Ausland erleben. Das kann man nicht zurücklassen. 

Hinzu kommt ein weiterer, oft unterschätzter Punkt: der Alltag.

Das Leben in der Türkei – besonders für diejenigen, die nicht im Ruhestand sind – besteht nicht nur aus Strand und Sonnenschein. Es dreht sich, wie überall auf der Welt, um Arbeit, Verpflichtungen, Familie, Kinder, Beziehungen und finanzielle Themen. Wer arbeitet, hat einen ganz normalen Alltag – nur eben in einem anderen Land.

Und dieser Alltag bringt zusätzliche Herausforderungen mit sich: eine fremde Sprache, andere Gesetze, ungewohnte Bürokratie, kulturelle Unterschiede. Dinge, die in der Heimat selbstverständlich waren, müssen neu gelernt werden. Entscheidungen fühlen sich oft unsicherer an, und einfache Alltagsaufgaben können plötzlich kompliziert werden.

Gerade jüngere Auswanderer stellen schnell fest: Das Leben wird nicht automatisch leichter – es wird nur anders.

Natürlich gibt es viele wunderbare Seiten an einem Leben in der Türkei. Die Natur, das Klima, die Gastfreundschaft und oft auch ein anderes Lebensgefühl können eine große Bereicherung sein. Doch wer dauerhaft hier leben möchte, sollte sich bewusst machen, dass Auswandern kein Dauerurlaub ist.

Es ist ein ganz normales Leben – mit all seinen Höhen und Tiefen.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Ort, sondern in der eigenen Einstellung. 

Wer bereit ist, sich anzupassen, zu lernen, offen auf Menschen zuzugehen und auch an sich selbst zu arbeiten, kann im Ausland sehr glücklich werden. 

Wer hingegen hofft, dass sich Probleme von selbst lösen, nur weil man die Landesgrenze überschritten hat, wird früher oder später mit der Realität konfrontiert.

Auswandern bedeutet nicht, ein neues Leben zu beginnen – sondern das eigene Leben an einem neuen Ort weiterzuführen.


Was sonst alles wichtig ist beim Auswandern, das steht in meinem Ratgeber (Weiterleitung mit Klick aufs Foto)