Auswandern Türkei: Warum früher Menschen mehr "hatten" als heute
Heute möchte ich mich mal mit der "guten alten Zeit" in der Türkei befassen, muss jedoch, zum besseren Verständnis, einen Umweg nach Deutschland machen. Wer in meinem Alter ist, weiß noch, wie früher ein Haushalt geführt wurde, in dem es nur einen Alleinverdiener gab und wie das Geld zusammengehalten werden musste und mit wie wenig "Statussymbolen" man zufrieden war. Wer die Zeit kennt, weiß auch, dass früher schon die Hauspreise "davonrannten", kaum dass man dachte, jetzt könnte ich mir mit Bausparer und Kredit eins leisten, war der Preis schon wieder unerschwinglich. Was passierte - man musste wieder verschieben und sparte weiter. Und ich bin heute noch dankbar dafür, dass mir meine Oma das Sparen beigebracht hat.
Wenn ich zurückdenke und die Jahre vor 2000 in der Türkei mit meiner natürlich noch weiter zurückliegenden Kindheit und Jugend vergleiche, die ich als Kind von Vertriebenen in Deutschland zubrachte, fallen mir Dinge auf, die Menschen meines Jahrganges sicherlich auch sehen und dass es Parallelen zur Türkei gibt.
Zum Alltag gehörte auch ein ganz anderer Umgang mit Ressourcen - sowohl in Deutschland, als auch in der Türkei.
Man hat Vorräte angelegt, eingekocht, saisonal gekauft und vieles selbst gemacht.
Lebensmittel wurden nicht leichtfertig weggeworfen,
Kleidung wurde länger getragen, Dinge repariert statt ersetzt.
Dieses Verhalten war nicht unbedingt romantisch oder freiwillig, sondern schlicht notwendig.
Aber genau diese Notwendigkeit hat Disziplin geschaffen.
Man lebte innerhalb seiner Möglichkeiten, weil es kaum Alternativen gab. Und wenn man ein Ziel hatte, sparte man noch darauf hin. Obwohl es kaum der Rede wert war.
Und heute? Auch wenn es reichen würde, eben so, dass man keinen unnötigen Luxus hat, man aber alles hat, was man braucht, wird geheult und gejammert, was das Zeug hält - sowohl in der Türke, als auch in Deutschland. Man hat die Menschen konsumsüchtig gemacht. Man braucht, was der andere hat, man schämt sich, wenn man sparsam ist und es die anderen merken.
Wenn man sich nur eine Miete leisten konnte, wurde einfach - wie früher in der Türkei auch - gemeinsam gewohnt und die Löhne der Kinder mit in eine Kasse geschmissen.
Das war in der Türkei gang und gäbe, bis hinein in die 2000er Jahre und war bei meinen Großeltern und Eltern in Deutschland nach der Vertreibung solange so, bis mein Opa sich - im Alter von 59 Jahren erst - ein Haus bauen konnte. Wohlgemerkt - sie waren 1946 Vertriebene, er war damals 37 Jahre alt und sie durften nichts als 25 kg pro Person mitnehmen und sie wurden damals im Egerland enteignet. Das heißt - selbst wenn man ganz unten neu anfangen muss - man kann es schaffen, aber nur mit Disziplin, egal wo, ob Deutschland, Türkei oder sonst wo auf der Welt.
Und das geht heute noch genauso wie damals. Wenn man will, wenn man muss, sowieso. Und mir kann niemand erzählen, dass es nach dem Krieg in Deutschland, das komplett zerstört war, leichter war, als heute in der Türkei. Obwohl das soziale Netz nicht so umfangreich ist für Bürger, wie in Deutschland.
Argumente wie "ach, das kann man doch gar nicht vergleichen, das waren doch ganz andere Zeiten, damals waren die Kosten ja nicht so hoch", werden sicherlich jetzt kommen. Aber stimmt das wirklich? Allein die Löhne und Gehälter waren damals niedrig, dementsprechend waren die Kosten genauso hoch.
In der Türkei lag der Brutto-Mindestlohn (als unterste Lohngrenze) im Jahr 1990 bei 225.000 TL bis 414.000 TL pro Monat, was inflationsbedingt etwa 158 US-Dollar entsprach. Die Mieten für einfache Wohnungen bewegten sich in den Metropolen wie Istanbul oder Izmir typischerweise zwischen 200.000 TL und 500.000 TL im Monat, was oft fast einem ganzen Monatslohn entsprach. Quelle: ihybagimsiz
Ich habe extra im Internet richtig recherchiert über die Menschen, die aktuell an der Armutsgrenze leben und siehe da - genau so haben die Menschen früher gelebt, egal ob Türkei in den 90ern noch oder Deutschland in den 60er oder 70er Jahren.
Unterschicht in der Türkei
- Akute Armut: Mindestens 17.821.000 Menschen der Bevölkerung leben in so tiefer Armut, dass sie ihre grundlegendsten täglichen Bedürfnisse nicht aus eigener Kraft decken können.
- Armut und soziale Ausgrenzung: etwa 26 Millionen Menschen (von ca. 85 Millionen) gelten offiziell als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.
- Vergleich: Laut dem Statistischen Bundesamt leben 13, 3 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze und es sind insgesamt 17,6 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.. Zwar weniger, aber nicht zu vergessen - Deutschland bietet Sozialleistungen, die die Türkei nicht hat.
Heute sieht die Situation ganz anders aus – und das nicht nur wegen gestiegener Preise, sondern vor allem wegen veränderter Lebensweisen.
Die ewig jammernde Mittelschicht
Was ich seit meiner Auswanderung 2003 in der Türkei gesehen und oft bei Familien mit Kindern erlebt habe - die Mädchen werden von den Müttern wirklich gut auf einen eigenen Haushalt vorbereitet, sprich wie man kocht, putzt, den Mann verwöhnt, doch die verwöhnten Söhne bekommen leider in ganz vielen Fällen keine Ratschläge von der Familie, wie man sein Geld zusammenhält, wenn es gerade mal so reicht - obwohl die Alten es noch konnten.
Es fing auch langsam mit "anti-autoritärer" Erziehung an.
Manche Kinder kannten und kennen heute noch keinen "Bahnhof", wenn sie etwas wollen oder Gäste in fremden Häusern sind. Das Kind will, das Kind bekommt. Es gab Situationen, in dem Kinder bei mir im Haus mit Erlaubnis der Eltern an MEINEM Computer sitzen durften, in dem ich meine Firmenunterlagen hatte. Ging ich hin, bat das Kind, etwas anderes zu spielen - Heulerei, Eltern beleidigt. Eineinhalbjährige auf dem Arm der Mutter spuckten mir mitten ins Gesicht (wirklich passiert) weil ich nicht einverstanden war, dass es gerade etwas bei mir im Haus kaputt machen wollte. Was war? Die Mutter war beleidigt und kam nicht mehr. Dass das Kind schon spuckte wie ein Erwachsener war unwesentlich.
Daraus wurden zum Teil die verwöhnten Erwachsenen von heute in der Türkei und sie kommen nicht von reichen Familien, die sich alles leisten können - das möchte ich betonen, aber auch nicht von den ganz armen.
Diese jungen Menschen, die heute leben, wissen nicht mehr von den Eltern, wie man einteilt, sie kennen aber durch die Reklame im Internet die Angebote von Banken und vieles mehr. Das gab es früher nicht und weil man gewöhnt war, bei den Eltern vor 20 oder 30 Jahren den Kopf durchzusetzen, weil man so klein uns süß war, macht man es heute noch - dann vielleicht schon beim Ehepartner.
Und so beginnt eine Spirale, aus der viele nicht mehr herausfinden. Was es früher in Otto Normal Familien nie gab, war die Tatsache, dass täglich ein riesiges Stück Fleisch auf dem türkischen Teller lag. Dazu musste man nicht unter der Armutsgrenze sein, es war einfach so. Die Kinder forderten auch nicht Hochzeiten mit Kosten wie im Osmanischen Reich, es war alles im normalen Rahmen und wer zu wenig verdiente, zog mit dem Ehepartner bei den Eltern ein, wo auch der Opa oder die Oma noch lebten und man schmiss alles in eine Kasse.
Wer türkische Hausmannskost kennt, sei es wie ich durch die vielen Jahre oder nur aus dem Kochbuch weiß das. Auch bei mir in der Kindheit gab es das nicht, es gab Sonntags Fleisch. Sonst nie. Meine Oma ging Pilze sammeln, sie baute Gemüse an, notfalls im Blumentopf, sie kochte für den Winter ein, die Regale im Keller waren voller Einmachgläser. Es gab auch kein Internet, kein Telefon - doch schon, aber zuerst in der Telefonzelle. So war es auch noch in den 90ern in der Türkei.
Es jammert aber heute jeder NUR über Lebensmittelpreise, aber keiner darüber, dass Internet und Smartphone oder sonstige Anschaffungen teuer ist, seltsam nicht wahr? Es geht immer nur um das Essen, das sich keiner mehr leisten kann, doch anstatt die Prioritäten zu prüfen, weil man ja vom neuen Auto oder anderen Luxusgegenständen nicht abbeißen kann, jammert man in der jungen Generation eifrig weiter, anstatt etwas zu ändern. Man muss nicht arm sein, wenn man richtig einteilen kann und das Geld nur zum Fenster rauswirft.
Wer die Preise der Türkei und auch die Haushalte wie ich seit über 35 Jahren kennt, weiß auch, dass Fleisch und Käse schon immer die teuersten Lebensmittel waren - außer man war Bauer und versorgte sich selbst. Immer - war nie anders.
Nur die heutigen Erwachsenen, die vielleicht noch gar nicht mal geboren waren um 1990, die wissen es natürlich nicht. Denn ein Kind erinnert sich immer nur an die schönen Dinge.
Rechnen wir doch einmal aus - Anmerkung:
Bei uns in der Stadt und im Landesinneren, wo die meisten leben - kein Touristengebiet, Kleinstadt mit Eingemeindungen, kein Meer, sondern viel Landwirtschaft und einfache Leute, liegen die Löhne, aber dafür auch die Mieten und Lebenshaltungskosten noch etwas niedriger als in großen Metropolen oder an Touristenorten in der Provinz Antalya oder bereits 15 km weiter am Meer. Städte wie meine gibt es Türkei weit viele und deshalb kann es nicht sein, dass man überall die gleichen Miet-Preise wie in Istanbul, Ankara oder Izmir bezahlt. Das wird aber den meisten immer wieder suggeriert. Das wäre, als würde ich behaupten, man zahlt in Deutschland in einer Kleinstadt in Ostdeutschland irgendwo in einer unbekannten Gegend genau so viel wie in München.
Natürlich ist es auf der Welt seit 25 Jahren teurer - überall auf der Welt. Es war 1925 auch alles billiger als 1950 und 1975 billiger als 2000 und da wurde genauso gejammert. Nur - das hilft niemandem aus der Situation, in die er sich selbst meistens "verfrachtet " hat, indem er einfach nicht weiß, dass im Leben erst die Miete und alle Pflichtzahlungen wie Nebenkosten, das Essen und dann erst das "Vergnügen kommt.
Denn bei den meisten ist es umgekehrt. Man weint nie über das teure Vergnügen, wenn es Geld kostet. Wenn ich es nicht habe, muss ich verzichten. Und damit tun sich heute die jungen Leute fürchterlich schwer.
Nehmen wir eine Familie mit einem einzelnen Einkommen von etwa 40.000 TL, was in vielen Regionen inzwischen realistisch ist. Die Miete liegt in unbekannten Orten auch schnell bei 15.000 TL für einen Altbau oder mehr für Neubauwohnungen, hier muss man sich entscheiden. Nebenkosten bei rund 3.000 TL, Lebensmittel bei etwa 20.000 TL - je nachdem was man kauft.
Damit ist ein Großteil des Einkommens bereits gebunden. Problematisch wird es dann durch Entscheidungen, die vermeidbar wären: ein Auto auf Kredit mit monatlich 8.000 TL, dazu Benzin und Wartung für weitere 5.000 TL. Hinzu kommen Kreditkartenschulden, spontane Käufe, Essen bestellen und Konsum, der oft nicht notwendig ist. Am Ende steht man trotz eines eigentlich ausreichenden Einkommens mit einem monatlichen Minus da und rutscht in eine Spirale aus Schulden.
Der entscheidende Unterschied zu früher ist also nicht nur, dass alles teurer geworden ist, sondern dass es heute viel mehr Möglichkeiten gibt, falsche Entscheidungen zu treffen – und diese auch sofort Konsequenzen haben. Kleine Beträge summieren sich, Kredite und Raten verteilen die Belastung scheinbar harmlos auf Monate, und der Überblick geht verloren.
Dieses Problem betrifft aber nicht nur Menschen, die in der Türkei leben, sondern auch viele Auswanderer – besonders diejenigen, die vor der Rente auswandern und sich hier eine neue Existenz aufbauen müssen. Gerade hier zeigt sich oft eine Mischung aus falschen Erwartungen und typischen Fehlern.
Ein häufiger Punkt ist der Umgang der jüngeren Generation oder auch der eigenen Kinder. Der Druck durch Social Media ist enorm. Man vergleicht sich ständig: Kleidung, Handy, Lebensstil. Ein neues Smartphone wird zur Selbstverständlichkeit, auch wenn es eigentlich nicht ins Budget passt. Gleichzeitig fehlt oft das Bewusstsein dafür, dass man sich in einem neuen Land erst einmal finanziell stabilisieren muss.
Ein weiterer Fehler ist der Anspruch, nicht „ganz unten“ anfangen zu wollen. Statt eine günstigere Altbauwohnung zu mieten, die vielleicht nicht perfekt ist, wird direkt eine neue Wohnung in einer modernen Anlage gewählt – mit entsprechend hohen Mietkosten. Dazu kommt häufig ein gewisser Drang, sich zu beweisen: zeigen, dass man es geschafft hat, dass man sich ein gutes Leben leisten kann. Dieses „Protzen“ oder Angeben führt dann schnell zu Ausgaben, die langfristig nicht tragbar sind.
Gleichzeitig wird unterschätzt, wie schwierig es ist, sich in einem neuen Land wirtschaftlich zu etablieren. Einnahmen sind oft unsicher, Arbeit muss erst gefunden oder aufgebaut werden, und dennoch wird auf einem Lebensstandard bestanden, der eher zur alten Situation passt als zur aktuellen Realität. Das Ergebnis ist häufig dasselbe wie bei vielen Einheimischen: steigende Schulden, wachsender Druck und im schlimmsten Fall das Scheitern des gesamten Vorhabens.
Der Kern des Problems ist also nicht Nationalität oder Herkunft, sondern ein veränderter Umgang mit Geld.
Früher war dieser durch Einschränkungen geprägt, heute durch Möglichkeiten – und genau das macht ihn schwieriger.
Wer heute finanziell stabil leben will, muss sich bewusst gegen viele dieser Versuchungen entscheiden und im Grunde wieder ein Stück weit zu den Prinzipien zurückkehren, die früher selbstverständlich waren: rechnen, planen, verzichten können und vor allem innerhalb der eigenen Mittel leben.
Wer auswandert, sollte deswegen auch nicht unbedingt sofort protzen wollen - klein anfangen, Geld zusammenhalten. Viele habe ich wieder zurückgehen sehen, die wie bei Goodbye Deutschland nach einem Jahr feststellten - Geld ist alle.
