Die Erfolgsfalle bei Selbständigkeit - warum früherer Status in der Türkei nichts wert ist

26. Juli 2026
Wer den Schritt wagt, im Ausland ein neues Unternehmen oder eine Selbstständigkeit aufzubauen, bringt meistens eines mit: jede Menge Selbstbewusstsein. Besonders Auswanderer, die in ihrem Heimatland beruflich extrem als Top-Fachkraft erfolgreich waren, starten mit dem Gefühl: „Wenn ich das in Deutschland geschafft habe, schaffe ich das in der Türkei erst recht.“ Diese Einstellung ist gut, da sie die Angst nimmt, doch genau hier schnappt eine der gefährlichsten Fallen im Ausland zu. Es ist sehr oft ein Trugschluss, dass früherer Erfolg automatisch ein Freifahrtschein für eine völlig neue Branche und ein neues Land ist.


Aus dem alten Beruf einen neuen machen - geht das? 

Als ich ausgewandert bin, stand Vorsicht und finanzielle Bescheidenheit an erster Stelle. Denn wer hier ankommt und protzt, hat bereits verloren. 
Ich hatte auch einen türkischen Ehemann an meiner Seite, der bereits sieben Jahre Türkeierfahrung hatte, was ich dabei lernte: 
Die Sprache zu kennen war zwar hilfreich, aber im Lernprozess, was Geschäfte machen in der Türkei angeht, eher unwichtig - es ist aber immens wichtig, das System zu kennen und die Behörden in dem Beruf, den man ausüben will, zu kennen und noch etwas sehr wichtiges: 
Wir hatten genau gewusst, wie lange man warten muss, bis sich Erfolge einstellen, und gaben uns erst einmal drei Jahre, bis man uns kennt, vor allem auch am Ort selbst, bei Lieferanten, die die Zusammenarbeit schätzten, weil wir keine Zahler waren, die erst andere "Löcher stopfen" mussten, sondern am nächsten Tag spätestens war die Rechnung gezahlt, manchmal bereits nach Stunden. 
Was wir in den Anfängen, bis wir endlich Fuß gefasst hatten, erlebten, habe ich in meinen drei Bänden "Weißwurst mit türkischem Tee" erzählt. Denn selbst mit dem notwendigen Know How und der Sprache, ist es nicht wirklich so einfach. Vor allem nicht von jetzt auf gleich, wie viele denken. Das war auch meine Intension, diese drei Tagebücher zu veröffentlichen, um neuen Auswanderern zu zeigen, jeder hat es schwer, niemand kommt hier an und knackt sofort den "Jackpot". 
Ich habe in den zwei Jahrzehnten Türkeileben immer wieder Nachrichtenanfragen erhalten, die ungefähr so lauteten: 
"Ich bin gelernter Bäckermeister, möchte in die Türkei auswandern,doch ich möchte nicht mehr in diesen Beruf, weil ich morgens um 3 Uhr anfangen muss, zu arbeiten. Ich stelle mir etwas ganz anderes vor, ich möchte keine Nachtschicht mehr und denke über  die  Eröffnung eines Beratungsbüros für Behördengänge (z.B. Ikamet/Aufenthaltstitel) nach.
oder 

"Ich bin gelernte Bürokauffrau und plane mit meinem Mann, Vertreter für Versicherungen, ein Cafe aufzumachen oder einen Lieferservice für deutsche Backwaren."
Warum genau das in die Hose geht
  • Aktiv getauscht gegen Passiv oder umgekehrt: Ein Bäcker oder Vertreter ist ein „Macher“, der das Ergebnis seiner Arbeit sofort in den Händen hält. Das Beratungsgeschäft ist das exakte Gegenteil: Es ist ein zähes Wartegeschäft. Man sitzt im Büro und muss passiv darauf warten, dass ein Kunde Vertrauen fasst. Diese Untätigkeit und das psychologische Taktieren liegen einem Handwerker überhaupt nicht.
  • Nachweise über Befähigung im Handwerk: Die Türkei erwartet Schulzeugnisse/Abschlusszeugnisse, wenn man so etwas wie einen Bäckerberuf in der Türkei ausüben möchte oder eigene Backwaren oder Speisen vertreiben. Es reicht nicht aus, ein Gewerbe anzumelden, es muss mindestens dann ein Türke mit dieser Ausbildung im Geschäft sein. Ohne diese Ausbildung können auch eigene Backwaren oder Speisen im Cafe nicht angeboten werden, sondern müssen von einem ausgebildeten Zulieferer gekauft werden. Zuhause backen und verkaufen verstößt zudem gegen die Gesetze vom Ordnungsamt (Hygiene). 
Es gibt tausende von Beispielen, viele möchten etwas machen, wozu sie in Deutschland auch erst eine Ausbildung machen müssten und oft, wenn sie diese haben, ist sie aber nicht kompatibel und hat in der Türkei andere Voraussetzungen. Das kann man bei der Anerkennung der Schulzeugnisse im örtlichen Schulamt erfahren. 

Schuster bleib bei deinem Leisten! 

Viele starten mit einer enormen Euphorie, wissen aber gerade genug, um sich sicher zu fühlen, übersehen aber die unsichtbaren Klippen des Gastlandes komplett. Nach dem Motto " Ich bin ja nicht dumm, ich kann alles". 
In der türkischen Geschäftswelt führt diese Selbstüberschätzung immer wieder zu denselben vier klassischen Fehlern:
Warum Druck hier nicht funktioniert
Ein fataler Denkfehler entsteht, wenn man glaubt, jede Form von Verkauf funktioniere gleich. Wer beispielsweise jahrelang im Heimatland als  Versicherungs- oder Konsumgüter-Profi Top-Zahlen geschrieben hat, ist es gewohnt, sehr aktiv und offensiv zu agieren. Man rennt zum Kunden, öffnet den Koffer, überzeugt durch Tempo und schließt ab.
Die türkische Dienstleistungsbranche im Bereich Beratung und Verkauf funktioniert jedoch genau umgekehrt: Es ist ein reines Vertrauens- und Wartegeschäft. Hier läuft nichts über schnelles Aufdrängen. Kunden kommen freiwillig, wenn der Ruf der Firma über Jahre hinweg makellos ist. Wer hier mit der ungeduldigen Dynamik eines westlichen Vertreters einmarschiert und sofort Abschlüsse erzwingen will, scheitert an der Realität. Das Geschäft erfordert Geduld und ein echtes Netzwerk, nicht Aggression.
Mein Vater, der in Deutschland vierzig Jahre einen Fertighausvertrieb hatte, sagte mir immer: "Vergiß nie - nicht du gehst zum Kunden, sondern er kommt freiwillig an deine Tür. Nicht du drückst ihm "was aufs Auge", sondern er wird seine Wünsche genau äußern und nur das nehmen, was zu ihm passt. Du verkaufst keine Brötchen, die jeder braucht und jedem schmecken." 
Das habe ich nie vergessen, solange wir die Firma hatten. Zudem hatten wir einen Vorteil - ich kam aus einem Beruf, der ebenfalls nur Kunden hatte, die zu mir kamen, sei es nun persönlich oder später nur per Anruf. Vor der Auswanderung war ich sechs Jahre im Kundendienst am Telefon und hatte sozusagen damit zu tun, verärgerte Leute zu beruhigen, ihr Vertrauen wieder herzustellen und  Lösungen zu finden. Das kam mir in der Türkei zugute - denn gerade in unserem Job war es wichtig, ein wenig psychologisches Wissen über den Umgang mit schwierigen Kunden zu haben. Und schwierig sind sie alle, wenn es um Beträge von ab 50 000 Euro aufwärts geht und nicht um einen Euro für ein Bäckerbrötchen. 
Die Social-Media-Illusion: Reichweite ist kein Umsatz
Im digitalen Zeitalter ist der Schein trügerisch. Ein neues, oft optisch sehr ansprechendes Social-Media-Profil wird erstellt, und innerhalb weniger Wochen schnellen die Follower-Zahlen nach oben. Der Fehlschluss lautet dann schnell: „Seht her, das Geschäft läuft von ganz alleine an!“  
Dabei wird völlig übersehen, dass oberflächliche digitale Aufmerksamkeit – die im Ausland oft nur auf ein ansprechendes Profilbild, ein schickes Auto oder den reinen Exoten-Status anspringt – absolut nichts mit echten Käufern oder Investoren zu tun hat. Echtes Business in der Türkei erfordert jahrelange, oft unsichtbare Hintergrundarbeit und organische Auffindbarkeit. Ein Hype im Netz füttert nur das eigene Ego, füllt aber keine Kassen.
Der rechtliche Blindflug ohne Gewerbeanmeldung
Egal welche Branche, ob lediglich im Online-Geschäft, als Influenzer, Coach oder als greifbarer Dienstleister vor Ort - wer von der eigenen Idee blind überzeugt ist, neigt dazu, komplexe ausländische Gesetze zu banalisieren und "wildern" einfach ohne Anmeldung herum. Wenn man dazu noch ein paar echte Neider oder gar Feinde hat, begibt man sich auf dünnes Eis.
Die Realität ist knallhart: Das türkische Finanzamt (Vergi Dairesi) und das Handelsministerium (Ticaret Bakanlığı) prüfen bei Kontrollen das Gesamtbild. Wer gewerblich auftritt, wird als Gewerbe eingestuft. Ohne offizielle Firmenanmeldung (Şirket), Steuernummer und die streng regulierten Makler-Zertifikate gilt dies schlicht als illegale Tätigkeit und Steuerhinterziehung. An der IP Adresse ist leicht herauszufinden, in welchem Land permanent "gearbeitet" wird. 
Wobei es hier eher die lokalen Konkurrenten sind, die auf die Suche gehen. Sie fackeln im hart umkämpften Haifischbecken meist nicht lange und melden solche unlizenzierten Profile anonym direkt vor Ort oder über Cimer. 
Selbst als wir uns von unserem Partner trennten und ihm seine Filiale ablösten, hat er uns per Anruf das Finanzamt auf den Hals gehetzt. Man erschien im Büro vor Ort und verlangte die Steuerlizenz. Nur - wir hatten alles an Papieren, was er nicht wusste und es passierte rein gar nichts. 
Strategischer Selbstmord: Respektlosigkeit im Netzwerk
In der Türkei läuft kein einziges Geschäft ohne persönliche Beziehungen. Das wichtigste Fundament heißt Saygı (Respekt). Wenn Auswanderer aufgrund ihres früheren Status mit einer gewissen Arroganz auftreten und glauben, sie stünden über den Locals, Inhaber oder auch Sachbearbeitern von Partnerfirmen, begehen sie geschäftlichen Selbstmord.
Egal mit wem man es zu tun hat - in türkischen Unternehmen sind Angestellte oft die engsten Vertrauten des Chefs. Wer das Personal beschimpft oder herablassend behandelt, isoliert sich sofort selbst. Sobald der Wind rauer wird, Zahlungen offenstehen oder Verträge ins Wanken geraten, wird der türkische Partner oder die Firma, mit der man zu tun hat, den anstrengenden Ausländer sofort fallen lassen. Mündliche Zusagen beim Tee sind im Ernstfall absolut wertlos.
Der harte Aufprall folgt meistens schnell
Wenn die anfängliche Euphorie verfliegt, man Kredite oder vielleicht auch  Zahlungen von Rechnungen aufgeschoben hat und  die Schulden fällig werden, aber die erhofften Kunden ausbleiben, folgt meist ein tiefer persönlicher und finanzieller Absturz. 
Wahre Kompetenz im Ausland beginnt immer mit Demut, Freundlichkeit und natürlichem, herzlichen Auftreten. 
Wer in der Türkei erfolgreich sein will, muss bereit sein, seinen früheren Status im Heimatland abzulegen und die lokalen Spielregeln ganz von vorne zu lernen. 
Wer ohne Rücklagen gründet, die Gesetze ignoriert und das lokale Netzwerk vor den Kopf stößt, wird von der Realität ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.


Wer wissen will, wie chaotisch meine ersten drei Jahre nach der Auswanderung ausgesehen haben, kann es in meinen Tagebüchern lesen - Link mit Klick aufs Bild