Türkeiurlaub 1990 vs. 2026 – warum die meisten Erinnerungen einfach nicht stimmen
Urlaub in der "guten alten türkischen Zeit", den habe ich auch damals von 1990 bis 1995 jedes Jahr gemacht, immer wo anders, der letze war mit dem Auto mit Mann und Kindern mit der Fähre.
Diese gute alte Zeit, die manche immer noch so hoch loben, als wäre es der Himmel auf Erden gewesen, hört sich für mich an, wie wenn man nach vierzig Jahren unter Amnesie leidet. Manche die heute davon reden, waren vor 36 Jahren Kinder oder noch nicht mal geboren.
Seit einiger Zeit liest man es überall: „Die Türkei ist viel zu teuer geworden. Früher konnte sich das jeder leisten.“ JEDER? Ganz ehrlich? Nein. Genau das stimmt so nicht. Ich sage das nicht aus Theorie – sondern aus eigener Erfahrung.
Preise 1990 - 1 Woche Türkei , Hotel mit Flug für 1 Person
Als ich im August 1990 das erste Mal in die Türkei geflogen bin, genauer nach Istanbul, gab es kein Internet, keine Vergleichsportale. Man saß mit dicken Katalogen am Tisch und hat Preise verglichen. Und was mir sofort aufgefallen ist:
Die Preise an der Riviera waren hoch. Richtig hoch. Eine Woche Türkeiurlaub – zum Beispiel in Antalya – lag bei etwa 2.000 bis 2.500 D-Mark pro Person. Das war ein ganzes Monatsgehalt für eine Woche.
Ich weiß es deshalb so genau, weil wir Frauen, zu dritt, alle
möglichen Reiseziele ansahen und wir nur eine knappe Woche Zeit hatten. Zum
Vergleich gab es noch Rom mit dem Zug
für 800 D-Mark pro Person, eine Woche.
Auch das war uns zu teuer. Ägypten
(Hurghada) hatte damals ähnliche Preise wie die Türkei – teilweise sogar etwas
höher – bei deutlich weniger Komfort. Das wusste ich auch, weil ich 1982 eine große Ägypten Rundreise gemacht hatte.
Flugreisen waren im Vergleich zum Verdienst trotzdem immer kostspielig, die meisten
reisten immer noch mit dem Auto oder Reisebussen – das war völlig normal. Wenn man damals flog war das etwas besonderes und die Türkei gehörte auch dazu.
Deshalb, weil es nicht alltäglich war, fiel unsere Wahl auf
Istanbul mitten im August – weil die Hochsaison dort eher für Touren nur von
Herbst bis Mai ist und im Sommer in den Ferien war alles leer – dementsprechend
gab es hier gute Angebote – weil keiner in der Hitze hin wollte. Montag Anreise
/Freitag Abreise, sprich eigentlich nur 3 Tage Aufenthalt mit Programm war im
Verhältnis trotzdem nicht billig für 640 D-Mark, doch hier gings uns weniger um
die Länge des Aufenthaltes,sondern um den Preis. Und – ich hatte dort plötzlich eine fundierte
Tourismus-Informationsquelle. Mein Mann arbeitete in Istanbul für die Münchner Agentur in einer türkischen
Partnerfirma und ich kenne seitdem alles, rund um Preise , Provisionen und was
man so wissen musste über den Tourismus in der Türkei.
Nur Flug - auch das ist heute wesentlich günstiger als damals
Wenn ich 1990 mehrmals zu meinem Mann nach Istanbul flog, der dort bei einer Reiseagentur arbeitete, wählte ich zuerst eine Airline, die es heute nicht mehr gibt (Istanbul Airlines) - Kosten für hin und zurück 350 D-Mark. 1991 kosteten die Flüge, die ich nach Izmir buchte 600 D-Mark.
Ein durchschnittliches Bruttomonatsgehalt eines Bürokaufmanns lag 1990 bei etwa 3.000 bis 3.500 DM (ca. 1.500–1.790 €), während es heute im Schnitt rund 3.300 bis 3.600 € brutto beträgt. Damals kostete Ihr Flug nach Istanbul (350 DM) rund 10 % eines Monatsgehalts, heute sind Flüge im Verhältnis zum Einkommen deutlich günstiger.
Verdienstvergleich (Brutto)
1990 / 1991: Ca. 3.000 bis 3.500 DM Monatsgehalt für Berufserfahrene (Einstieg oft um 2.400 DM).
Heute: Ca. 3.300 bis 3.600 € Monatsgehalt im Durchschnitt (je nach Berufserfahrung und Region).
Flugkosten im Verhältnis zum Gehalt
1990 (Istanbul Airlines, 350 DM): Entsprach etwa 10 % eines durchschnittlichen Monatsgehalts.
1991 (THY nach Izmir, 600 DM): Entsprach etwa 17–20 % eines Monatsgehalts.
Heute: Ein vergleichbarer Hin- und Rückflug in die Türkei kostet oft zwischen 150 € und 300 €, was heute nur noch etwa 4 % bis 9 % eines durchschnittlichen Monatsnetto- bzw. -bruttogehalts ausmacht.
Türkei war damals kein Massentourismus – sondern eher Luxus. Familienbesuch mit dem Auto war bei Türken die Regel
Was Türken aus Deutschland, wenn sie mit ihren Autos zu Verwandten gefahren sind, gar nicht so mitbekamen, denn sie gingen mit ihrer D-Mark nicht in die Hotspots, meistens sogar ohne Übernachtungskosten bei Verwandten oder man hatte ein geerbtes Haus von Oma und Opa.
Das war kein Urlaub, das war Famiienbesuch
und die meisten, die heute in Sozialen Medien so schimpfen, waren damals
Kinder, die sich vielleicht noch an das Essen am Teller oder den schönen
nostalgischen Urlaub mit den Eltern erinnern, wenn sie größer waren, vielleicht
jung und heiß verliebt und völlig
anderes im Kopf als die Preise – das lässt die Erinnerung etwas verschoben im
Gedächtnis.
Ich hatte hier 2025 einen vierzigjährigen türkischen Besucher aus
der Schweiz, den ich gut aus seiner Türkeizeit kannte, da er mit seiner Oma zwischen 2005 und 2009 Nachbar von uns war, der einmal ein Kind von Gastarbeitern in Deutschland war und danach in unsere Gegend mit den Eltern als Halbwüchsiger wieder zurück kam.
Er arbeitete in einem großen Hotel, spielte Gitarre und kam auch manchmal zu uns, um sich mit meiner Tochter zu unterhalten und irgendwann heiratete er dann in die Schweiz . Seine Erinnerungen: Die Türkei war früher in meiner Jugend sooo schön, keine Häuser, so viel Natur bei uns am Strand, keine Hotels, die Leute waren so freundlich und hilfsbereit. Heute sind die Menschen nur noch übel drauf. Das stimmt so nicht ganz - ein Mensch verhält sich erstens zu Kindern völlig anders und er war noch Kind, zweitens verhalten sich Menschen sehr oft immer so,wie man sie als Erwachsener behandelt. Nicht immer, aber sehr oft. In dem Fall kann ich behaupten - er bekam nur den Schall aus dem Wald zurück, in den er hineingerufen hat. Reich eingeheiratet in eine überaus gläubige Familie in der Schweiz, in sektenähnliche Kreise geraten, in welchen man wartete, dass die Türkei wie Saudi-Arabien wird. Seine Frau trug in der Schweiz einen schwarzen Chador mit Gesichtsschleier. Und wirklich - er stand bei mir vor dem Haus und schrie mich an: "Erdogan hat uns einen islamischen Staat versprochen und sein Wort nicht gehalten. Ich mag ihn nicht." Ich stand da, wie vom Donner gerührt und sein Onkel, der dabei war, wies ihn zurecht, packte ihn an der Schulter und führte ihn zum Auto.
Daran erkennt man, dass Wahrnehmungen immer von dem einzelnen Menschen, noch dazu beeinflußt von seinem Umfeld, abhängen und die werden von Erinnerungen, die verblasst sind und von den aktuellen Sichtweisen geprägt - und hauptsächlich vom aktuellen Umfeld, in dem man lebt. Und eines muss ich sagen - egal, ob modern oder plötzlich so fanatisch, je länger man im Ausland ist, um so mehr kann es passieren, dass man sich in Grüppchen zusammenschließt, die dieselbe Meinung vertreten, um dazuzugehören und in einer Blase lebt, die schon fast wie Gehirnwäsche funktioniert. Egal - das muss nicht politisch sein, es ist bei allen Themen gleich - auch was Urlaub betrifft, Anschauungen aus dem Alltag, ganz egal. Und die eigentlichen Erinnerungen an früher verblassen immer mehr.
Das ist die Erinnerung eines damals modernen, aufgeschlossenen Teenagers, dessen
Vater das Geld als Verkäufer in einem Kleiderladen verdiente, bis er selbst arbeiten und dann ins Ausland ging und völlig verändert zurückkam. Der genau in so einem großen Hotel,
das ihm Lohn gab arbeitete, über das er jetzt verärgert war und davon abgesehen gibt es bei uns immer noch kaum Hotels am
Strand, weil bei uns immer nur wenig Touristen waren. Unsere Gegend ist eher ein Geheimtipp, immer schon gewesen. Hier stehen insgesamt 5 Hotels direkt am Strand: Hilton, Holiday Village, Iberostar, Club Magic Life, Club
Robinson – das wars – die letzten drei standen schon in seiner Jugend da – so viel
zu Erinnerungen als junger Mensch oder gar Kınd.
Aber nun zum eigentlichen Thema zurück - Fakt ist und ich weiß das genau -
die Türkei war Anfang der 90er kein Billigziel , kein Massenurlaubsland, sondern ein Geheimtipp
Und dieser Geheimtipp war vor allem etwas für solvente Rentnerpaare mit viel Rente, gutverdienende Familien, Menschen, die gezielt gespart haben
Der normale Arbeitnehmer mit Kindern?
Der musste sich so eine Reise oft über ein oder zwei Jahre
zusammensparen und fuhr aus Deutschland mit dem Auto nach Südtirol, Italien
oder Kroatien, wie in den sechziger Jahren oder nach Bayern in die Berge.
Verdienst 1990
Ein typisches Rentnerpaar hatte damals vielleicht als Mann ca. 1.500–1.700 D-Mark, seine Frau oft nur eine kleine Rente oder meistens gar
keine zusammen maximal um die 1.600 bis 2.000 D-Mark
Ein Urlaub für zwei in der Türkei für eine Woche kam auf 4.000
bis 5.000 D-Mark. Das waren zwei bis drei Monatsrenten!
Und dazu kamen noch Transfer zum Flughafen, Verpflegung
unterwegs, sonstige Nebenkosten und die Miete zuhause lief weiter. Damals lagen
die Mieten wenn günstig bei 500 D-Mark, wenn viel (wie Reihenhaus) 1000
D-Mark. Auch die Lage war maßgeblich.
Deswegen bringen Diskussionen über Mietpreise nichts, jeder weiß selbst, was er
gezahlt hat, wenn er damals erwachsen war. Urlaub war damals ein Luxus, kein
Standard.
Warum es sich trotzdem „günstig“ anfühlt
Der Grund ist einfach – es war der Wechselkurs. 1990 lag 1
D-Mark bei 2.800 Türkische Lira im
Schnitt. Das Leben außerhalb war extrem günstig. Ich erinnere mich an Kuşadası/Güzelcamli,
1991. Wir waren in einem kleinen Lokanta und bezahlten für 4 Erwachsene + 5
Kinder mit Essen und Getränken umgerechnet 26 D-Mark
Warum? Ein Lehrer verdiente damals 300–400 D-Mark im Monat, Die Preise orientierten sich an den
Einheimischen, nicht an Touristen. Damals war aber in Istanbul die Miete auch
doppelt so hoch in der Nähe vom Flughafen wie der Lohn für Türken – hieß,
keiner konnte ohne Familie oder ohne Ehepartner allein eine Wohnung bezahlen.
Urlaub als Selbstversorger war damals eine ganz andere Welt
Was viele vergessen – es gab kaum moderne Wohnungen, nur einfache Bauten, sehr wenig Auswahl. Wir fuhren einen Sommer (1995) fünf Wochen mit dem Auto in ein gemietetes Ferienhaus, wir mieteten es nicht allein,sondern noch mit zwei Paaren - jeder ein Schlafzimmer mit den Kindern Wohnzimmer und Küche gemeinsam - alleine einen Bungalow zu mieten war nicht drin mit einem Vollzeit - und einem Minijob.
Einkaufen ging man in kleine Bakkal-Läden. Es existierten kaum große
Supermärkte, die gab es nur in Istanbul, Ankara oder Izmir.
Und deshalb brachte man immer Lebensmittel mit, auch wenn
man nicht als Türke mit dem Auto die Familie besuchte, auch als Urlauber mit Selbstversorgung
via Flugzeug.
Wurst, Käse, alles, was es nicht gab. Ich selbst bin
regelmäßig mit vollen Taschen nur mit Lebensmitteln zu meiner Schwiegermutter
geflogen, fast ein Jahr jeden Monat einmal.
Und heute? Selbst bei uns in Dalaman ist es unmöglich wie früher so eine Tasche mit Wurstwaren oder Käse in den Mengen einzuführen. Es
gibt Kontrollen, Vorschriften, Strafen. Genau wie in Deutschland - ist aber komisch, was in Deutschland unbedingt gutgeheissen wird, soll in der Türkei bei Urlaubern oder Auswanderern bitte nicht gelten...
Touristenpreise gab es schon immer
Auch das ist keine neue Entwicklung. Reiseführer brachten damals ihre Gäste in Teppichläden, Goldgeschäfte, Lederläden und die Preise – natürlich Provision inklusive. Das System ist nicht neu – nur heute sichtbarer.
Der große Denkfehler
Das Jahr 2026:
Rentnerpaar bekommt zusammen ca. 1.700 €
Der Urlaub 2 Personen eine Woche mit Flug 2.400 bis 4.000 €
(je nach Hotelwahl)
Macht 1 bis 2 Monatsrenten
Mit Miete und Kosten bleibt wenig Spielraum
Ja – das ist teuer ,
doch früher war es im Verhältnis oft sogar teurer.
Der entscheidende Unterschied gestern und heute ist der geänderte Anspruch
Und jetzt kommt der Punkt, den viele nicht hören wollen. Heute geht der typische Urlauber – egal ob Deutscher oder Türke aus Deutschland – nicht in günstige Geschäfte und der Auswanderer, der sich nicht umstellen möchte nicht in Billig-Lebensmittelläden oder Lokantas mit Selbstbedienung . Er geht zu Migros und kauft importierte Produkte, er will Urlaub genießen und nicht auf jeden Cent schauen. Er möchte alles mitnehmen, was geht - auch wenn der Geldbeutel schon in Deutschland schreit - nein - geht nicht, auf keinen Fall!
Wer in der Türkei bei Migros einkauft, zahlt bewusst mehr.
Ich als Auswanderer gehe zu BİM oder Şok oder ähnliche. Ich
kaufe auch nie ausländische Produkte, immer einheimische , auch beim
Wachmittel, egal was. Schokolade ist heute, wenn man die richtige Marke kennt,
genauso gut wie die deutsche.
Preise sind nicht überall gleich – und das ist normal Was
viele auch nicht wissen:
Preise in den selben Supermarktketten unterscheiden sich
innerhalb der Türkei massiv.
Die Provinz Muğla teurer als andere Regionen, Istanbul nochmal teurer, selbst innerhalb
Istanbuls je nach Stadtteil unterschiedlich
Gleiche Supermarktkette – andere Preise
Warum? Weil sie sich
an die Lebenshaltungskosten vor Ort anpassen.
Der größte Denkfehler überhaupt
Viele kommen in die Türkei und denken: „Hier muss alles so funktionieren wie in Deutschland.“ Nein – muss es nicht.
Die Türkei ist kein
deutsches Bundesland.
Es gibt - andere Gesetze - andere Strukturen - andere Preise - andere Realität
Es lässt sich nicht einfach wegdiskutieren, wie manche das immer gerne in den Sozialen Medien tun, deren Eltern damals vielleicht noch Windeln für sie gekauft haben und überhaupt nicht wissen, wie es damals war.
1990er Jahre :
Urlaub = 2–3 Monatsrenten
wenig Komfort
wenig Auswahl
Heute:
Urlaub = 1–2 Monatsrenten
hoher Komfort
riesige Auswahl
Und trotzdem wird heute mehr gemeckert. Warum?
Weil viele nicht bereit sind zu sehen, dass sie selbst ihren Anspruch verändert haben.
Der Satz, den sich jeder merken sollte:
Wer früher bereit war, zwei bis drei Monatsrenten für Urlaub auszugeben, aber heute bei einer Monatsrente schon von „unbezahlbar“ spricht, hat nicht das Preisproblem verstanden – sondern sein eigenes Anspruchsdenken verändert.
Wer damals noch Kind oder Jugendlicher ohne eigenes Einkommen war, weiß überhaupt nicht, was damals Sache war.
