Auswandern in die Türkei: Wie Umfeld unser Denken formt

Was mich in der Türkei wirklich stört, ist im Grunde die fehlende Eigenverantwortung bei gleichzeitiger Schuldzuweisung nach oben. Für alles und jeden ist NUR die Regierung verantwortlich, selbst wenn es nicht so ist. Und auch Auswanderer, die in der Türkei permanent leben, lassen sich oft von dieser Denke anstecken. Weils einfach praktischer ist. Warum die Krankheit ansteckend ist, am Ende meines Artikels. 



Natürlich gibt es das in anderen Ländern auch, aber es wird mehr differenziert,  diskutiert und nicht sofort mit dem Finger nach ganz oben gezeigt. 

In der Türkei soll immer alles die Regierung richten, wobei diese Menschen ihre Probleme nicht ehrlich benennen und Lösungen dadurch schwerer werden und sich Diskussionen sich im Kreis drehen. In einem Umfeld, wo viele so handeln, entsteht schnell ein Kreislauf. 

Beispiele, die ganz typisch sind: 

Vermieter erhöhen stark die Preise oder Hausverwaltungen setzen hohe Beiträge fest und trotzdem ist „die Regierung schuld“ - weil es praktischer ist und man die eigene Rolle daran klein redet mit „Ich muss ja erhöhen, alle machen das so“ (Verantwortung wird nach oben geschoben). „Die Regierung hat das Umfeld geschaffen“ (System wird personalisiert), anstatt zu sagen: „Viele Vermieter treiben Preise hoch“ klingt es besser wenn man sagt: „Die da oben sind schuld“. 

Gedanken dabei: „Wenn ich fair bin, bin ich der Dumme“, führt dazu, dass immer mehr mitmachen. Das ist kein Einzelfall, sondern ein Muster, indem man eigenes Verhalten rechtfertigt und damit die  Verantwortung nach oben verschiebt. 

Wenn der Staat endlich eingreift (z. B. Mietdeckel, Begrenzungen), was passiert?

Das Gegenteil von dem, was man erwarten würde: Die gleichen Leute kritisieren dann wieder den Staat, weil er zu oft eingreift in ihre Finanzen. 

Beim zweiten Beispiel wird es noch deutlicher. Leute umgehen Steuern, aber regen sich aber über Kontrollen oder höhere Steuern auf. Auch hier steckt ein Muster dahinter - diejenigen sehen ihre Handlung als Ausnahme oder Notlösung. „Der Staat“ wird als Gegenspieler gesehen. Es fehlt in ihrem Egoismus  völlig das Gefühl, Teil des System zu sein. 

Die Menschen finden fast immer Gründe, warum ihr eigenes Verhalten „okay“ ist und rechtfertigen sich mit den Preisen für Lebensmittel oder anderen Dingen : „Ich nehme mehr Miete, weil alles teurer wird“ (sooo viel mehr ????) 

Viele lieben ihr Sündenbock-Denken, indem sie komplexe Probleme vereinfachen - einer muss ja schuld sein und das ist dann eben die Regierung. 

Gerade in Ländern mit schnell wechselnder wirtschaftlicher Lage (Inflation etc.) wird es schwer, alles differenziert zu erklären. Menschen greifen dann eher zu einfachen Erklärungen wie: „Die Regierung ist schuld“ Was Normalität wird, wird seltener hinterfragt.

Das ist nicht unbedingt ideologisch – sondern oft schlicht praktisch.

Es ist auch nicht so, dass diese Haltung nur bei einer bestimmten Wählergruppe existiert, weil es nicht wirklich politisch ist, wenn man sich so verhält, sondern eine psychologische Ursache hat.  Auch regierungsnahe Gruppen können genauso in einfachen Schuldmustern denken – nur mit anderer Richtung.

Es handelt sich dabei  weniger um einen „Abbau des Denkens“, sondern eher um eine Anpassung an das direkte Umfeld. 

Der "infizierte" Auswanderer

Und leider muss ich sagen, gibt es auch deutsche Auswanderer, die sich irgendwann so angepasst haben. Woran es liegt? 

Es gibt hier viele Gründe. Meistens persönlicher Natur.  

Menschen wollen dazugehören.

Wenn im Freundeskreis bestimmte Ansichten dominieren, passt man sich schnell an und sieht es irgendwann genauso. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern weil Widerspruch soziale Reibung erzeugt.

Wenn jemand immer vorzugsweise mit gleichdenkenden Leuten spricht und durch Empfehlung ähnliche Medien konsumiert verstärken sich bestimmte Sichtweisen immer weiter. In Deutschland passiert das auch, allerdings mit  anderen Inhalten.

Es verschieben sich dadurch heimlich und leise die eigenen Interessen. Viele Auswanderer verändern ihre Perspektive, weil sich ihre Lebensrealität ändert: Als  Mieter in Deutschland wird man vielleicht selbst Vermieter in der Türkei, als früherer Angestellter vielleicht selbstständig. Dadurch verschiebt sich auch, wem man „Schuld“ gibt oder nicht. 

Ein ganz wichtiger Grund für die "Verschiebung der Realitäten" ist die nicht erfüllte Erwartung. 

Wenn eigene Träume und Erwartungen an das Auswandern nicht erfüllt werden, weil man Fehler gemacht hat, entsteht oft ein Gedanke, der einfach nur Selbstberuhigung ist und der da heißt: 

 „Es liegt nicht an mir, sondern am System“

Was man dagegen tun kann? Sich nicht nur einseitig informieren, vor allem nicht in deutschen Medien, die einseitige Berichte geliefert bekommen. Selbst vergleichen und ein wenig die Logik suchen - was klingt im Vergleich wahrscheinlicher und warum? Selbständig wieder denken lernen und sich nicht alles erzählen lassen. 

Wer ernsthaft in dieses Land ausgewandert ist und ständig nur schimpft und lamentiert, wie schlimm oder teuer es hier ist und nur die Regierung schuld wäre, den fragen Sie einfach kurz : "Und warum gehst du denn nicht zurück, wenn es so furchtbar ist?" Sie werden kaum eine plausible Antwort erhalten, wahrscheinlich gar keine. So habe ich das immer gemacht. Die Antworten kamen entweder gar nicht oder einfach nur Gestammel. 

Durch die vielen verschiedenen Menschen, die ich seit 2003 kennenlernte, nicht zuletzt 2005 dann durch unsere eigene Firma, weiß ich - jeder hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Päckchen zu tragen, aber auch festgefahrene Ansichten, die immer am besten ins eigene Weltbild passen. So funktioniert die Welt aber nicht, vor allem nicht die Türkei. 

Deshalb entstanden meine Tagebücher, die nach und nach in drei Teilen entstanden sind.