Verschleierung im Islam – zwischen Alltag, Geschichte und Wirklichkeit

05.04.2026

Seit 36 Jahren kenne ich die Türkei nicht als Urlauber, sondern durch meinen Mann, der damals in Istanbul gearbeitet und gelebt hat und seit über 24 Jahren leben wir permanent in der Türkei – ausgewandert mit meinem türkischen Mann, aber  wie viele andere auch, mit ganz praktischen Fragen im Kopf: Lebenshaltungskosten, Strompreise, Alltag, Bürokratie. Genau darum geht es normalerweise auch in meinem Blog. 

       Foto: KI generiert zu Anschauungszwecken

Doch immer wieder begegnet mir ein bestimmtes Thema, das weniger mit dem tatsächlichen Leben vor Ort zu tun hat, sondern mit Bildern im Kopf - die Religion im Land. Die meisten, die sich negativ äußern, wissen noch nicht mal, dass es hier auch Kirchen gibt, christliche Messen oder Feste - weil die Zeitungen in Deutschland und speziell auch politisch "Angehauchte" immer wieder behaupten - hier werden auch Andersgläubige unterdrückt - was überhaupt nicht stimmt.  

Vor allem von Menschen, die Länder wie die Türkei gar nicht kennen, geben oft Dinge von sich, die mir Stirnrunzeln bereiten. Das Kopftuch wird von ihnen oft als Symbol für Rückständigkeit gesehen, manchmal sogar als Zeichen fehlender Freiheit. Warum? Weil es die deutschen Medien und ihre Vertreter, die zum Teil türkische oder kurdische Wurzeln haben, so wollen. Letzteres hat überhaupt nichts zu sagen. Im Gegenteil - es ist sehr typisch für die politische Landschaft in Deutschland, solche Menschen, die aus irgendwelchen privaten Gründen einen Hass auf ihr Ursprungsland haben, zu benutzen.  

Diejenigen, die gar nichts vom Islam wissen, sehen ihn sogar als "Bedrohung" - geschuldet durch irgendwelche Vorfälle, verursacht durch Fanatiker, die diese Religion gar nicht repräsentieren. Solche Fanatiker gibt es auch im Christentum oder Judentum auf der ganzen Welt. Menschen, die ihre Religion entweder falsch interpretieren oder einfach politisch missbrauchte  "Fakes" sind. Siehe in meiner Rubrik - Falschmeldungen über die Türkei - . 

Welcher Religion oder Konfession ich selbst angehöre, möchte ich bewusst offenlassen. Denn genau darum soll es hier nicht gehen. Vielmehr geht es um das, was ich in all den Jahren selbst erlebt und beobachtet habe. 

Die meisten kennen die Schlagzeilen in deutschen Mainstream-Medien über die Türkei: Böse islamische Diktatur, Autorkratie, der "Erdolf" und sonstiges dummes Bla Bla ... 

Es reicht vielen schon, diese Schlagzeilen zu lesen und damit machen sie sich ihr Schablonen-Feindbild aus diesen Zeitungen - ohne überhaupt etwas über diese Religion zu wissen und wie es in der Türkei gehandhabt wird. Woher kommt das? Es sind in Zeitungen immer politische Motive, selbst die türkische Opposition liefert solche Schlagzeilen, um ihre Wähler zu beeinflussen, wovon die deutschen Medien gerne abschreiben, um ein völlig verzerrtes oder gar falsches Bild zu liefern. 

Ich kann mich noch gut an eine Reise nach Deutschland erinnern, ich war bei meiner Mutter und es klingelte an der Tür. Eine wirklich sehr nette Nachbarin aus dem Haus stand vor der Türe und war überrascht. 

Sie war überrascht, mich zu sehen und sagte ganz spontan: "Ach sie sind gerade zu Besuch bei ihrer Mutter, sie tragen ja gar kein Kopftuch, aber bestimmt müssen sie das wieder aufsetzen, wenn sie zurück in der Türkei sind? " 

Zack - weg war sie wieder. Ich konnte nicht einmal antworten und stand erst einmal wie angewurzelt da. Dann musste ich schmunzeln, weil es eine alte Frau war. Doch hinterher fiel mir ein - es hat diese "Denke" gar nichts mit dem Alter zu tun. Es sind die deutschen Medien aller Art, die unwissenden Europäern so einen Mist ins Gehirn pflanzen. 

Ich habe die Türkei auch noch aus einer Zeit vor der Regierung der AKP und vor  Recep Tayyip Erdoğan kennengelernt, in der der Umgang mit dem Kopftuch ein ganz anderer war als heute. Für Frauen mit Kopftuch war es damals nicht selbstverständlich, zu studieren oder uneingeschränkt am öffentlichen Leben teilzunehmen. Der Zugang zu Universitäten war teilweise verwehrt, und auch bei offiziellen Anlässen gab es Situationen, in denen Frauen ihr Kopftuch ablegen mussten, um teilnehmen zu können. Besser gesagt, man versuchte, es ihnen brutal vom Kopf zu reißen. 

Diese Phase gehört ebenso zur Geschichte des Landes wie die Entwicklungen der letzten Jahre.

Heute zeigt sich ein anderes Bild. Das Kopftuch ist im Alltag sichtbar und akzeptiert – weder ungewöhnlich noch automatisch politisch. Für die meisten Frauen ist es eine sehr persönliche Entscheidung. Nur wenige Frauen tragen es, um ihrem Mann zu gefallen. Das gab es früher oft, doch heute weniger. Und genau diese Vielfalt wird von außen oft übersehen.

Was steht wirklich im Koran? 

Um dieses Thema besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die religiösen Grundlagen, auf die sich die Diskussion häufig bezieht.

Im Koran finden sich Verse, die sich mit Kleidung und Verhalten befassen,

 insbesondere in Sure 24, Vers 31 und Sure 33, Vers 59. 

Dort wird Frauen empfohlen, sich sittsam zu kleiden und ihren Schmuck nicht offen zur Schau zu stellen. Gleichzeitig wird jedoch auch von Männern verlangt, sich respektvoll zu verhalten und ihren Blick zu senken. 

Entscheidend ist dabei: 

Der Koran beschreibt KEIN klar definiertes Kleidungsstück, sondern formuliert ein allgemeines Prinzip – das der Bescheidenheit und Würde.

Ein weiterer zentraler Vers lautet:

 „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ 

(Sure 2, Vers 256). 

Für viele Gelehrte ist dies ein grundlegender Gedanke im Islam: Religiöse Praxis hat nur dann einen Wert, wenn sie aus freier Überzeugung geschieht.

Auch historisch zeigt sich, dass es nie nur eine einheitliche Form der Verschleierung gab. In unterschiedlichen Regionen und Zeiten entwickelten sich verschiedene Traditionen. Das deutet darauf hin, dass kulturelle und gesellschaftliche Einflüsse immer eine Rolle gespielt haben.

Wichtig dabei: Über die Jahrhunderte hinweg haben Gelehrte diese Verse unterschiedlich ausgelegt. Während einige das Kopftuch als religiöse Pflicht betrachten, betonen andere stärker die zugrunde liegenden Werte. 

Denker wie Muhammad Asad oder Fazlur Rahman sehen im Koran vor allem ethische Leitlinien, keine detaillierten Kleidervorschriften. Auch Amina Wadud hebt hervor, dass es im Kern um Verantwortung, Würde und Gleichwertigkeit geht.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in den Überlieferungen des Propheten. Ein bekannter Ausspruch, überliefert unter anderem in Sahih al-Bukhari, lautet: „Die Taten werden nach den Absichten beurteilt.“ Daraus lässt sich ableiten, dass religiöse Handlungen – unabhängig davon, ob es um Gebet oder Kleidung geht – nur dann Bedeutung haben, wenn sie freiwillig geschehen.

Zugleich zeigen viele Überlieferungen, dass der Prophet in seinem Umgang mit Menschen nicht auf Zwang setzte, sondern auf Geduld und Überzeugung. Auch im Bereich der Kleidung finden sich zwar Hinweise auf Bescheidenheit, jedoch keine eindeutige Grundlage für eine erzwungene Umsetzung.

All das führt zu einem Punkt, der in der heutigen Diskussion oft verloren geht: 

Die Realität ist komplexer, als sie von außen erscheint. 

In der Türkei, wie auch in vielen anderen Ländern, gibt es nicht „die eine“ Lebensweise. Es gibt Frauen mit Kopftuch und ohne, religiöse und säkulare Lebensentwürfe – oft sogar nebeneinander im selben Alltag. Deswegen muss nicht die eine, die das Kopftuch trägt, gläubiger sein, als die andere - es entscheidet sich lediglich jede Frau selbst, ob sie es trägt oder nicht. 

Für Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen auszuwandern oder das Land besser verstehen möchten, ist es daher wichtig, sich von vereinfachten Bildern zu lösen. 

Weder ist das Kopftuch automatisch ein Zeichen von Unterdrückung, noch lässt sich daraus pauschal auf die gesellschaftliche Realität schließen.

Am Ende bleibt vor allem eines: die Erkenntnis, dass Glaube und Lebensweise persönliche Entscheidungen sind – geprägt von individuellen Überzeugungen, Erfahrungen und dem jeweiligen Umfeld.

Und vielleicht hilft genau dieser Blick dabei, die Türkei nicht nur durch Schlagzeilen oder Momentaufnahmen zu sehen, sondern als das, was sie ist: 

Die Türkei ist ein Land mit Geschichte, Wandel und vielen unterschiedlichen Perspektiven.