Türkei Auswandern: Mein Haus, mein Pool… und der Hammer vom Nachbarn

 



Neulich klingelte wieder einmal jemand an unserem Tor.

„Habt ihr zufällig einen Rasenschneider?“

Ich musste kurz lachen. Denn der gleiche Nachbar hatte sich gerade eine 250 Quadratmeter große  Villa mit Pool gebaut, der ungefähr so groß ist wie das Hallenbadbecken einer deutschen Kleinstadt.

Aber ein Rasenschneider fehlte offenbar noch.

Und da musste ich wieder an eine Beobachtung denken, die ich seit 25 Jahren in der Türkei immer wieder mache …

Eine ganz besondere Eigenschaft von einigen "speziellen" Türken, die aus dem Ausland zurück in die Heimat kommen – nicht nur aus Deutschland – beobachte ich seit Jahren. 

Das mag jetzt manchen nicht gefallen, dass ich das anspreche. Aber wer mich kennt, weiß: Es ist nie böse gemeint. Eher ein Hinweis. Ein kleiner Tipp. Oder nennen wir es einfach einen gut gemeinten Rat aus 25 Jahren Türkei-Erfahrung.

Und bevor jetzt jemand empört den Kopf schüttelt: Nein, es sind natürlich NICHT alle so. Ganz im Gegenteil. 

Ich kenne genügend Gurbetçis aus Deutschland, die bei solchen Geschichten genauso die Augen verdrehen wie ich. Die wissen vermutlich schon jetzt ganz genau, wovon ich rede.

Es geht hier aber nicht wirklich um die schöne Angewohnheit, alles mit Europa zu vergleichen. Und natürlich auch um eine manchmal gut versteckte Unwissenheit darüber, dass hier in der Türkei manches einfach anders läuft als 3500 Kilometer entfernt auf einem anderen Kontinent.

Es gibt da noch eine kleine „Eigenart“, die mich wirklich verwundert und letztendlich die letzten Jahre "auf die Palme" treibt. Vor allem bei den eingewanderten Türken aus dem Ausland, die offensichtlich nicht gerade am Hungertuch nagen. Aber sie steht im Zusammenhang mit der oben genannten Eigenschaft, sich erst einmal ausführlich darüber zu beschweren, was hier alles anders ist als in Europa – und natürlich über die Preise.

Wenn man genug geschimpft hat, kauft oder baut man sich trotzdem gerne ein Haus mit Garten. Und wenn schon, denn schon – dann bitte mit allem Drum und Dran.Der Pool ist dann gerne ungefähr so groß wie das Hallenbadbecken einer deutschen Kleinstadt und das Ganze läuft unter dem Motto:

„Mein Haus, mein Auto, mein Pool.“

Daran ist übrigens überhaupt nichts Verwerfliches. Wirklich nicht. Wer es sich leisten kann – wunderbar. Ich gönne das jedem von Herzen, das haben ja viele hier. 

Nur passiert danach oft etwas sehr Interessantes.

Denn obwohl man offensichtlich genug Geld für Villa, Pool, Marmorboden und Palmen im Garten hatte, fehlt plötzlich ein erstaunlich wichtiges Detail:

Werkzeug!

Und zwar erstaunlich viel Werkzeug!

Nach 25 Jahren Türkei und davon 17 Jahre eigene Baufirma mit meinem Mann, der nur immer jammert, wenn ihm wieder mal eine kleine Maschine fehlt, weil er nicht mehr weiß, wer sie hat und die dann neu gekauft werden musste,  habe ich mir irgendwann gedacht:

Okay. Ich halte mich jetzt einfach raus. Keine Tipps mehr. Keine Ratschläge mehr. Jeder macht seine Erfahrungen selbst.

Und dann beginnt der zweite Teil der Geschichte, nachdem wir unsere Firma nach erfolgreichen Jahren aufgegeben hatten:

Vor allem im Sommer klingelt bei uns seit bestimmt über fünf Jahren regelmäßig das Telefon. Oder es klingelt am Tor.

Warum?

Ganz einfach: Sobald bei oben genannten werkzeuglosen Häuslebauern Haus, Pool  und Garten fertig sind und sie den Sommer genießen möchten, stellen sie plötzlich fest:

Ups, Gras kann ja wachsen! Und zwar nicht nur im Sommer. Sondern auch im Winter. Dank Regen sogar ziemlich gut.

Also braucht man plötzlich:

einen Rasenmäher

einen Rasentrimmer

eine Heckenschere

eine Bohrmaschine

einen Akkuschrauber

einen Hammer

eine Motorsäge

und natürlich noch hundert andere Dinge.


Und wohin geht man dann?

Zum Baumarkt?

Natürlich nicht.

Man klingelt bei uns.


Denn – völlig logisch gedacht – wenn schon der Nachbar eine Werkstatt mit Vollausstattung hat, wäre es ja fast schon Verschwendung, sich selbst etwas zu kaufen.

Und das passiert – das muss ich leider sagen – nicht nur einmal.

Nein.

Man kauft sich die Sachen nach dem ersten Mal auch nicht selbst. Man klingelt einfach immer wieder und das pünktlich jedes Jahr, zu jedem Anlaß: 

„Hast du mal …?“

„Kannst du mal …?“

„Geht dein Rasenmäher auch bei meinem Gras?“

Mein persönlicher Favorit war übrigens:

„Ich habe Mückenallergie. Hast du eine Gesichtsmaske mit Netz zum Rasenmähen?“

Einmal wurde ich sogar gefragt:

„Wo ist dein Mann? Er muss mir etwas schweißen.“ Ich dachte zuerst, ich hätte mich verhört. Er fragte nicht: „Könnte er vielleicht …“

Nein – er muss.  

Offenbar hatte mein Mann in der Nachbarschaft inzwischen den offiziellen Titel:

„Schweißmeister auf Abruf.“

oder: 

„Kann ich euren langen Schlauch anschließen, damit ich meinen Pool mit eurer Pumpe füllen kann? Ich zahle das auch.“

Was übersetzt bedeutet:

Es geht überhaupt nicht darum ob die 5 Euro für den Strom gibt, die kann er auch behalten. Da aber unsere elektrische Pumpe vom Wasserbrunnen an einem Sicherungskasten und nicht an einer Steckdose mit Kabel angeschlossen werden kann, ist es nicht möglich den Strom vom fragenden Benutzer anzuschließen.  Was in der Türkei aber wichtig ist: Es geht mir um den Bonus vom Staat auf meiner Stromrechnung. Die Pumpe läuft dann permanent sieben bis acht Stunden über unseren Strom zusätzlich. 

Ende vom Lied: Unser jährlicher Durchschnittsverbrauch an kw/h steigt fröhlich nach oben – was wiederum Einfluss auf den monatlichen staatlichen Stromzuschuss hat. Sobald wir am Ende des Jahres im Durchschnitt nur mit 1 kw/h drüber sind, zahlen wir monatlich das Doppelte, wenn nicht, gibt der Staat fast die Hälfte dazu. Und ich sehe nicht ein, dass ich dafür meine Kühlung im Haus im Sommer und dadurch den Stromverbrauch einschränke, nur damit Herr Nachbar seinen Badespaß früher hat, denn sein eigener Brunnen mit Pumpe steht in seinem Garten, nur füllt sie langsamer und das stört ihn - was uns stört, das ist für ihn unwesentlich. Aber das ist natürlich ein Detail, über das man sich in dem Moment keine Gedanken macht.

Das sind übrigens nur ein paar Beispiele. Selbst nach unserem Generator wurde schon gefragt.

Manchmal frage ich mich wirklich, was als Nächstes kommt.

Vielleicht:

„Hast du noch ein Gästezimmer frei?“

Mein Mann ist dabei übrigens geduldig wie ein Maultier. Ich dagegen stehe oft daneben und denke mir nur:

Wie kann es eigentlich sein, dass jemand eine riesige Villa baut, aber keinen eigenen Hammer besitzt?

Ist man wirklich so knapp bei Kasse – oder ist es einfach bequemer, beim Nachbarn zu klingeln?

Ich persönlich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass wir jemals irgendwo Werkzeug geliehen haben. Im Gegenteil: Ich habe damals sogar Werkzeugkästen aus Deutschland im Koffer mitgebracht. Sogar ein tragbares Schweißgerät und musste noch Gepäck zuzahlen, wenn ich drüber war. 

Aber klar – es ist natürlich praktisch, wenn jemand anderes das alles hat.

Und bevor jetzt jemand sagt:

„Wie unverschämt ist die denn? Wir Türken sind doch Brüder – wir teilen!“

Ja, natürlich. Teilen ist eine schöne Sache. Wirklich.

Aber Nachbarn dauerhaft als kostenloses Leihhaus mit Vollausstattung zu betrachten, gehört eigentlich nicht dazu. Auch dann nicht, wenn man gelegentlich eine Tafel Schokolade aus Europa mitbringt.

Ganz ehrlich: In den letzten zwanzig Jahren sind die türkischen Süßigkeiten so gut geworden – die braucht hier wirklich keiner mehr als „Leihgebühr“. 

Mein kleiner, gut gemeinter Rat an diejenigen, die sich vielleicht ein bisschen angesprochen fühlen:

Wenn ihr euch nicht unbeliebt machen wollt, kauft euch einfach selbst die Dinge, die man für Haus und Garten nun einmal braucht.

Ein Hammer kostet weniger als eine Poolleiter.

Ein Rasentrimmer weniger als eine Poolpumpe.

Und eine Bohrmaschine ganz sicher weniger als der Marmorboden im Wohnzimmer.

Denn sonst passiert am Ende etwas, das wahrscheinlich gar nicht in eurem Plan stand:

Die ganze schöne Show mit

„meine Villa, mein Pool, mein Auto“

verliert plötzlich ein bisschen an Glanz.


Und die Nachbarn denken irgendwann nur noch:

„Tolles Haus … aber der Hammer wohnt offenbar beim Nachbarn.“


Sorry für meine offenen Worte – aber das wollte ich schon lange einmal loswerden. 

Und die vielen vernünftigen Gurbetçis aus Deutschland, die ich kenne und die jetzt wahrscheinlich schmunzeln, wissen ohnehin: Ihr seid gar nicht gemeint. Ihr habt euren eigenen Hammer.


Wer gerne mehr solcher Geschichten aus meinem Leben lesen möchte - meine Auswandern-Tagebücher "Weißwurst mit türkischem Tee) in 3 Teilen, die ersten drei Jahre sind voller Erlebnisse, die viele Auswanderer, die ich kenne und die es gelesen haben , bestätigten. Am Foto die obere Reihe - mit Klick aufs Bild kommt ihr auf mein Autorenprofil mit allen Büchern.